8. Regenbogenparlament „It takes a village – Intersektionale Demokratieförderung in ländlichen Räumen“

18. September 2024, 10:00 - 16:00 Uhr

Ländliche Räume sind vielfältig, vor allem auch durch die Menschen vor Ort, welche ihre Lebensräume lebendig und lebenswert gestalten. Gleichzeitig sehen sich gerade marginalisierte Gruppen wieder vermehrt Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Demokratie und gleichberechtigte Teilhabe stehen in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks in ganz Deutschland zunehmend vor großen Herausforderungen. So steigt das Risiko für extremistische Radikalisierung, auch in ländlichen Räumen. Im Rahmen des achten Regenbogenparlaments möchten wir uns daher mit den Teilnehmenden u.a. folgenden Fragen widmen:

Was bedeutet es, in einem sogenannten „strukturschwachen“ Raum zu leben? Wie kann in ländlichen Regionen Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Gemeinschaftsbildung aller Menschen gefördert und wie können besonders marginalisierte Gruppen geschützt und empowert werden? Was können Politik, Zivilgesellschaft und die Bürger*innen vor Ort tun, um demokratiegefährdenden Einstellungen den Nährboden zu nehmen und diesen entschlossen entgegenzutreten? Wie kann dies diskriminierungssensibel und intersektional geschehen?

Wir freuen uns sehr, diesen und weiteren Fragestellungen mit Ihnen und einer Vielzahl an Referent*innen nachzugehen, uns auszutauschen und zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteur*innen aus dem Land Brandenburg zusammenzubringen.

Die Teilnahme am Regenbogenparlament ist nach Anmeldung und Bestätigung kostenfrei möglich.

Geplanter Programmablauf: 

09:30 Uhr       Anmeldung / Willkommenskaffee

10:00 Uhr       Begrüßung

10:30 Uhr        Austausch mit dem CSD Cottbus: „Queere Vielfaltentwicklung in Cottbus und Spree-Neiße“ – zwischen Graswurzelarbeit, Aktivismus und extrem rechter Dominanz

„Es wird, es wird“, sagt Christian Müller sehr oft. Der Sozialarbeiter erzählt von der Vielfaltarbeit unter schwierigen Bedingungen. Er spricht von guten Praxiserfahrungen und von den kraftraubenden Hürden im System. Der Blick nach Cottbus ist mehrfarbig. Hier gibt es queeres Engagement und gleichzeitig antidemokratische Phänomene. Wer in der Region sichtbar auftritt, sollte mit allem rechnen, auch mit einem Lächeln.

Das Austauschformat wird mit einem thematischen Input von Christian Müller beginnen und bietet den Teilnehmenden im Anschluss die Möglichkeit für Fragen, das Teilen von eigenen Erfahrungen, das Diskutieren von Beispielen guter Praxis und für Vernetzung.

Christian Müller ist in vielen Rollen zu Hause. Aktivist, CSD Cottbus e.V. und AIDS-Hilfe Lausitz e.V. Vorstand, Drag Queen und Geschäftsführer vom Regenbogenkombinat Cottbus. Der Sozialarbeiter lebt seit 44 Jahren in der Region Cottbus und stößt Veränderungsprozesse an.

12:00 Uhr       Mittagspause

13:00 Uhr       Workshops

Workshop 1: „Mami, Mama, Papa, Kind?!“ Queere Familien in Brandenburg

Manche Familien kommen oft vor – auf Bildern für die Schwimmbadwerbung, in der Gute-Nacht-Geschichte oder der Lieblingsserie. Sie prägen unser Verständnis von Familie. Sie werden mitgedacht, beim Geburtsvorbereitungskurs, der Familienberatung, beim Eintrag in die Geburtsurkunde, der Vaterschaftsanerkennung oder dem Elterngeldantrag. Aber Familie war und ist schon immer vielfältig und viel mehr als das. Und genau darum geht es in diesem Workshop. Gemeinsam werfen wir einen Blick auf Regenbogenfamilien und ihre Situation in Brandenburg und Deutschland.

Im ersten Teil des Workshops werfen wir zunächst einen umfassenderen (Lern)Blick und beschäftigen uns mit folgenden Fragen: Worauf müssen wir beim Lernen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt achten? Und wo fangen wir damit am besten an? In der zweiten Hälfte dreht sich alles um das Thema Regenbogenfamilie: Was ist eigentlich eine Regenbogenfamilie? Welche Wege der Familiengründung haben queere Paare/Personen in Deutschland? In welchen Bereichen sind sie (nicht) mit anderen Familien gleichgestellt?

Außerdem wird es eine Auswahl an relevanten pädagogischen Materialien und vielfaltssensiblen Kinderbüchern zum Durchstöbern geben.

Kris (Pronomen: er/ihm) lebt mit seiner Familie in Potsdam und leitet seit etwa drei Jahren das Projekt „Regenbogenfamilien in Brandenburg stärken!“ des LSVD Berlin-Brandenburg e.V. Parallel zum Masterstudium (Erziehungswissenschaften) arbeitete er bei der Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule und Trans* Belange des Landes Brandenburg und koordinierte das Antidiskriminierungs- und Bildungsprojekt „Bildung unterm Regenbogen“. Darüber hinaus engagierte er sich ehrenamtlich beim Bundesverband Queere Bildung und entwickelte pädagogische Handreichungen zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt für die Bundeszentrale für politische Bildung sowie das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg.

Workshop 2: „klassismus ist keine kunstepoche“ – ein antiklassistischer einführungsworkshop

Wir wollen in unserem Workshop mit euch über Klasse und Klassismus sprechen. Klassismus ist ein aktivistischer Begriff, der die Diskriminierung und Unterdrückung aufgrund der sozialen Herkunft und Position – oder eben der Klassenherkunft und Klassenzugehörigkeit – beschreibt. Klassismus trägt zur Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft bei. Klasse entscheidet beispielsweise über Zugänge zu Geld, Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und Kultur.

Im Workshop gehen wir der Frage nach, wo und wie Klassismus wirkt. Neben Inputs von uns wollen wir gemeinsam über unsere Klasse nachdenken, mit anderen ins Gespräch kommen und unsere eigenen Überzeugungen und Vorstellungen hinterfragen.

Die Referent*innen sind im Bildungskollektiv kikk – klassismus ist keine kunstepoche aktiv. Sie sind in Berlin zuhause und werden überall dort tätig, wo sich Menschen mit Klasse, (Anti-)Klassismus und Kapitalismuskritik auseinandersetzen wollen – und müssen. kikk bietet Workshops, Vorträge, Beratung sowie klassismussensible Mediationen an und organisiert politische Aktion. Erfahrungen mit negativer Betroffenheit von Klassismus einen sie.  Klassismus ist für sie – verschränkt mit anderen Herrschafts- und Diskriminierungsformen – Symptom des patriarchalen Kapitalismus, den es zu überwinden gilt.

Workshop 3: „Kunst, Natur und jüdische Geschichte!“

Begleiten Sie Hani חאני Esther Indictor Portner (they/them oder keine Pronomen) bei einem Spaziergang. Dabei setzen wir uns mit den Bäumen, den Pilzen und dem Heiligen See auseinander und besprechen die lokale queer-jüdische Geschichte anhand von Persönlichkeiten wie Gad Beck und den Aktivitäten der jüdischen Widerstandsgruppe Chug Chaluzi, die Ausflüge in die umliegenden Wälder unternahm.

Sobald wir wieder im Veranstaltungshaus sind, werden wir mit Ölpastellkreiden und Buntstiften experimentieren, um zu zeichnen, wie wir uns bei unserem Outdoor-Abenteuer gefühlt haben, und lernen, wie man Veranstaltungen mit künstlerischen, ortsgeschichtlichen und naturbezogenen Verarbeitungselementen versehen kann. Die Workshop-Teilnehmenden werden Ideen für die Umsetzung dieses Formats in ihren Umfeldern mit nach Hause nehmen, indem sie sich mit anderen Teilnehmenden austauschen und sich gegenseitig unterstützen und ermutigen, denn alle können Künstler*innen sein und Kunst unterrichten!

Der Workshop wird auf Englisch mit Deutscher Simultan-Übersetzung gehalten.

Hani חאני Esther Indictor Portner ist jüdisch, transgender, queer, behindert, Künstler*in, Historiker*in, Kräuterkundler*in, Reiseleiter*in und Hexe. In den Führungen, die Hani im Laufe der Jahreszeiten anbietet, unterrichtet Hani zugängliche Kurse in der Suche nach essbaren Kräutern und Pilzen für Feenliebhaber*innen und ermutigt dazu, die Verbindung mit dem riesigen Netz des Lebens und der Weisheit unter unseren Füßen zu feiern. Hanis Podcast- und Workshop-Reihe „Passing the Paintbrush“, die they seit 2024 betreibt, verbindet die Vermittlung von Wissen über jüdische LGBT-Künstler*innen mit dem gemeinschaftlichen Kreieren eigener neuer Werke und erkundet die lokale Geschichte.

Workshop 4: „Zusammenhalt geben“ – Community-basierte Antirassismus-Arbeit in Ostdeutschland

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung, die strukturell auf allen gesellschaftlichen Ebenen tief verankert ist. Für Betroffene geht Rassismus mit Abwertung, Ausgrenzung und Benachteiligung einher und kann gravierende körperliche und seelische Schäden hinterlassen. Besonders in ländlichen Räumen Ostdeutschlands gibt es kaum Unterstützungsangebote für Betroffene. Hier setzt das Projekt „AntiRaktiv“ von DaMOst e.V. an, indem es von Rassismus betroffene Personen unterstützt, berät und empowert.

Innerhalb des Workshops wollen wir in einem ersten Teil ein Lagebild zur Antirassistischen-Arbeit in Ostdeutschland geben. Hierfür wird sich mit den spezifischen Formen von Rassismus auseinandergesetzt und auf welchen gesellschaftlichen/institutionellen Ebenen und Kreuzungen Rassismus wirkt, auch in seiner Verschränkung mit anderen Diskriminierungsformen.

Im zweiten Teil soll ein pragmatischer Einblick in die Community-basierte Beratungsarbeit in Fürstenwalde gegeben werden. Hierfür wird unsere Community-Berater*in von ihrer Arbeit vor Ort berichten, ihre Erfahrungen teilen, praktische Tipps zum Aufbau selbst-organisierter Strukturen geben, aber auch über gesellschaftliche und politische Herausforderungen sprechen.

15:00 Uhr       Kaffeepause im Foyer

15:15 Uhr       Closing-note „It Takes a Village“ – Demokratie geht nur gemeinsam!

(Laura Nickel, Initiative „Schule für mehr Demokratie“)

Was es bedeutet, als engagierte Lehrkraft für ihre Schüler*innen, Familienmensch in einer Regenbogenfamilie und hörbare Stimme für Demokratie in einer ländlichen Region zu agieren, in der sich Teile der Gesellschaft gegen demokratische Prinzipien wenden, wird uns Laura Nickel berichten. In einer abschließenden Rückschau über ihre Eindrücke vom Regenbogenparlament mit persönlichen Impulsen für Vernetzung, Ressourcenorientierung, Solidarität und Zivilcourage werden wir den Tag in einem empowernden Austausch ausklingen lassen.

Laura Nickel lebt, arbeitet und engagiert sich im südlichen Brandenburg. Durch ihre Haltung und ihr konsequentes Handeln im Rahmen ihres Berufs als Lehrerin wurde aus der Privatperson Laura Nickel binnen kürzester Zeit eine Person von öffentlichem Interesse. Laura Nickel entschloss sich mit ihrem Kollegen nicht wegzusehen und die rechtsradikalen, sexistischen und homophoben Umtriebe an ihrer Schule letztlich öffentlich zu machen. Neben vieler Solidaritätsbekundungen, dem Zusammenschluss im Bündnis „Schule für mehr Demokratie“ und Auszeichnungen für ihr Engagement sah sie sich fortan auch Anfeindungen, Bedrohungen und Mobbing an ihrem Arbeitsplatz und Wohnort ausgesetzt. Schließlich entschloss sich Laura Nickel, an einem anderen Ort einen beruflichen Neuanfang zu suchen. Ihre Stimme erhebt sie dennoch auch weiterhin.

15:30 Uhr       Fragen aus dem Plenum zur Closing-Note

15:45 Uhr       Verabschiedung

16:00 Uhr       Ende der Veranstaltung

Moderation: Julian Knop (Stuhlkreisrevolte)

Das Regenbogenparlament wird durch ein Awareness-Team und durch Dolmetscher*innen für die Deutsche Gebärdensprache (DGS) zur Gewährleistung einer barrierearmen Veranstaltung unterstützt.

Zur Verpflegung bieten wir ein vegetarisch / veganes Catering an.

Veranstaltungsort

  • Treffpunkt Freizeit
  • Am Neuen Garten 64
  • 14469 Potsdam